Weltenweiter Wandrer
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Weltenweiter Wandrer

Kerim, 21 Jahre alt. Gedichte, Prosa und Philosophisches.

Umzug nach Wien ist geschafft und die Katze ist auch gefüttert.

(via h-abitual)

Der letzte Walzer

Den letzten Walzer tanzen wir,
barfuß balancierend
auf den Zickzackbergen
und über den Bruchkantenschluchten,
demolierter Flaschenböden.
Wir landen immer auf den Füßen,
wie der Kater
der seine Krallen an den Sofakissen
des Alltags schärft.
Und obwohl jeder Knochen schmerzt,
sind wir frei wie die aufsteigende
Lerche
und malen den Wolken unsere Gesichter
auf.

Kerim Mallée

(Source: , via pornforladies)

Niemandsland

Rückblickend erscheint es mir, als würden die Menschen von denen man nicht mehr hat,
als eine gedankliche Skizze, ein paar flüchtige Erinnerungen, kurze, mittlerweile ausbleichende Sequenzen und Schnappschüsse der Netzhaut,
einen am längsten verfolgen.
Egal wohin man geht, egal wie alt man wird. Ein Mensch ohne Namen, trägt seine Geschichte als diesen, und verknüpft jede Erinnerung mit dem Ganzen, den Gefühlen und der sich erinnernden Person, für die er zum teils-durchsichtigen Spiegel wird.
Sie war ein kleines flackerndes Licht, ein letzter glühender Docht in den dunkelsten Straßen der Stadt.
Ihr Haar hatte die Farbe schwarzer Olivenhaine und sie roch wie eine nahende Meeresbrise,
ein Versprechen des Ozeans, mit seinen Salzwasserwellen die U-Bahntunnel, die Hinterhöfe der alten Häuser mit ihren Schimmel-fleckigen, geblümten Tapeten, für die schon vor langer Zeit ein ewiger, nikotingelber Herbst gekommen war, und staubigen Keller zu fluten,
den Schmutz und die Gleichgültigkeit der Menschen mitzunehmen, die so lange durch dreckige Fenster auf die Welt gestarrt hatten, dass ihr eigener Blick die selbe Trübheit angenommen hatte.
Um dann alles ganz weit fort zu tragen, so dass die Stadt vom Fundament bis zu den Dachbalken aufatmen könnte und glücklichere, hoffnungsvollere Menschen, wie sauerstoffreiches Blut, durch seine pulsierenden Straßenadern strömen würden.
Sie fanden sie irgendwann mit einem Gürtel um den Hals, im Wandschrank ihrer Wohnung hängend.
Ein spontaner Entschluss. Kein Abschiedsbrief, kein selbst gewähltes Trauerkleid und halbgetrunkenes Glas Wein. Nur ein staubiger Traumfänger und der Samen des letzten Freiers, der verkrustet in ihrem Schamhaar und dem zerknüllten Laken klebte.
Vielleicht war sie verrückt geworden, oder sie hatte ihren ersten klaren Moment.
Eine Frage von Blickwinkel und Zynismus.
In meiner Erinnerung steht sie noch immer allein an der Kreuzung, klammert sich an ein paar Kleidungsfetzen, zieht mit den roten Lippen, die aus dem winterbleichen Gesicht hervorstechen wie ein Fuchs in einer Schneekugel, an der Zigarette in ihren zittrigen Fingern und bewegt unruhig die blau werdenden Beine unter ihrem Minirock,
während die aufgehende Sonne in den Reif-bedeckten Fenstern glitzert.
Eine Schneeprinzessin, deren Mund Nähe und Einsamkeit zugleich verspricht, und deren Körper warm ist, wenn das Geld stimmt.
Sie spricht eine Sprache, die nie ein Mensch richtig verstanden hat.
Und ich kann immer noch nicht sagen, ob das Traurigkeit ist in ihren Blicken, wenn sie mich ansieht, oder nur der Glanz der Straßenlaternen, der sich mit dem anbrechenden Morgen in den schwarzen Murmelaugen einer Puppe trifft, die kein Kind vom Regal des Spielwarenladens nehmen wollte und die jetzt dafür lebt, dass zumindest Erwachsene eine Zeit lang mit ihr spielen.
Namenlose Straßen schlängeln sich durch diese Geschichte und treffen sich im Niemandsland, das kein Ort ist, sondern nur ein Eintopf aus düsterer Nostalgie und tauben Gefühlen.
Dieser runde Planet ist ein Irrgarten, es gibt keine Anfänge und keine Enden, nur Dinge die sich im Nirgendwo bewegen, sich näher kommen und wieder entfernen. Heimat ist ein kurzes sich-treffen-in-Zeit-und-Raum, dann wird sie zu etwas, das hinter einem liegt und sich immer mehr entfernt. Wie Gesichter auf der Autobahn, die mit Vollgas in die andere Richtung fahren.
Und auch wenn die Erde kein Ende hat, so schafft die Psyche einem tausend Kanten, über die man mit vollen Segeln ins Nichts stürzen kann.
An dieser Kreuzung im Niemandsland stand sie, schritt mit ihren Zigaretten und Stiefeln, ihren tausend Masken über denn Asphalt der Stadt, in der nicht einmal die Regenpfützen auf ihren Grund blicken ließen, und spielte alle Haupt- und Nebenrollen vor einem fast leeren Theater.
Ich saß dort, in der letzten Bar, blieb dort sitzen bis zum letzten Akt, beobachtete sie durch das große beschlagene Fenster auf dem man einen Namen in riesiger Schrift spiegelverkehrt lesen konnte, atmete die abgestandene Luft, während sich die Kante des Tresens in meinen Rücken bohrte und schaffte es erst zu gehen als der Vorhang fiel.
Ich war umgeben von merkwürdigen Gestalten. Gesichter die man nie vergisst, selbst wenn man so passiv durch Tag und Nacht getaumelt ist, dass man den Wechsel nicht mehr wahrnahm und von den Zehenspitzen bis zum Scheitel nur noch aus Antriebslosigkeit bestand.
Ein alter Kerl, seine Familie starb in den Lagern, doch wenn er über sie spricht, verändert sich seine Stimme nicht mehr, die er mit sich rumschleppt, wie das einzige abgetragene Kleidungsstück von jemandem für den es Abendgarderobe, Freizeithemd, Hochzeitsfrack und Trauerkleid ist, er benutzt die selbe Stimme um Bier zu bestellen und über das Wetter zu reden.
Er ist ein Mensch der nicht mehr da ist. Es gibt einen Körper und Fleisch, welches noch nicht begonnen hat zu verwesen.
Es gibt Haut die blutet, wenn man sie verletzt, aber nichts darunter.
Außer einem Echo von Wesen und eine eine Stimme die aus ihm, tief wie aus dem Erdkern hallt.
Wenn man ihm in die Augen sieht, ist es als würde man in ein Museum treten.
Dort steht man vor leeren Wänden und läuft immer wieder durch die gleichen riesigen Räume in denen sich sogar die Luft so anfühlt als würde sie dort nicht hingehören.
Irgendwo ganz tief im Innern tanzt ein Gauklerkind mit seiner Totenmaske und singt: „Die wahren Künstler haben die Würmer geholt.“
Man sagte, er hätte vor langer Zeit einmal Gedichte geschrieben.
Als ich ihn kennen lernte, bestellte er sich nur jeden Tag ein Käsetoast und ein Bier, das er nicht bezahlen konnte.
Doch nie sagte jemand etwas. Wenn Menschen lange gelebt und viel gesehen haben, können sie einem den selben Respekt einflößen, wie eine Krankheit, die Leute auf Abstand hält.
So saß er jeden Abend da, in einen Mantel aus Qualm gehüllt und aß seine Käsetoasts.
Manchmal unterhielt er sich mit dem Mann, der früher einmal Arzt war und in der Psychiatrie gearbeitet hatte. Auch er hat viel zu erzählen. Der Patient öffnete seine Operationsnarbe, nahm seinen Darm und wusch ihn im Waschbecken. Irgendwann war alles dann doch zu viel und jetzt sitzt er hier. Das schrecklichste an seinen Geschichten ist nicht das, was er erzählt, sondern dass man das Gefühl hat, dass es da noch viel mehr gibt, das ihn Nachts schweißgebadet aufwachen lässt und man ist froh, dass er diesen Teil für sich behält.
Ich blieb dort immer bis kurz vor dem Morgengrauen, dann stand ich auf und beglich meine Rechnung.
Als ich sie das letzte mal sah, war ich pleite wie eine Kirchenmaus. Sie stand auf der anderen Straßenseite und ich hatte plötzlich ein Gefühl, als würde sie mich erwartungsvoll ansehen.
Aber es war nur der selbe Blick wie immer. Über ein Hausdach huschend, färbte sich die letzte graue Katze für den Tag. Ich wandte den Blick ab und lief los, um in meinem Bett zu liegen, bevor die Sonne über den Häusern auftauchen würde.
Sie haucht dir ihren Atem ein und du fühlst ein wenig Leben durch deinen Körper strömen.
Du willst etwas sagen, aber es entzischt dir nur als Japsen und der sprichwörtliche Kloß verschließt dir den Hals.
Du hast so viel Angst, dich wie einer dieser armen Teufel, immer wieder und wieder, zu wiederholen und dadurch das, was dir wichtig ist, das was du ganz tief in dir als Wahrheit fühlst, zu entstellen und so sehr zu verdrehen, bis du es selbst nicht mehr erkennst.
Diese Wahrheit ist wie ein Eisblock, und mit dem Meißel in der Hand versuchst du dich zu erklären,
etwas plastisches und leicht verständliches in die Masse zu schlagen.
Doch alles was du produzierst sind Splitter,
die schneller und schneller in der Sonne schmelzen.
Dass in ihrem Kuss, jedem Zucken ihres Gesichts und ihrem pulsierenden, lebenden Körper, ein abgebrochenes Stück ihrer Seele mit schwamm und diese Seelenscholle jetzt auf dem Meer unter deiner Schädeldecke treibt, dass sich dieser Poltergeist in deinem Brustkorb verheddert hat und irgendwo in den dunkelsten Ecken deiner Eingeweide sein Unwesen treibt,
ist viel zu unglaubwürdig um es auch nur zu flüstern.
Das tragische daran ist, dass es der Wahrheit wirklich sehr nahe kommt.

Kerim Mallée

Sieht so aus, als würde es schon wieder eine Nacht mit zu wenig Schlaf geben. In vier Stunden heißt es “Raus aus den Federn”, für eine dreizehn Stunden Busfahrt nach Wien, zur Immatrikulation und Wohnungssuche. Übrigens falls irgendjemand von euch dort wohnt, kann er mir gerne bescheid sagen. Ich wäre froh ein paar Kontakte zu knüpfen. Schließlich werde ich voraussichtlich die nächsten drei Jahre dort wohnen und lasse so ziemlich alle meine alten Freunde, meine Familie usw. hier zurück.

paintdeath:

David Agenjo

paintdeath:

David Agenjo

(Source: tapwaterfanclub, via peanutbutterinmypussy)

Kurz vor dem Knockout

Manchmal verteilt das Leben Kinnhaken und
Nierenschläge am laufenden Band
und ich ertappe mich dabei,
wie ich freiwillig zu Boden gehe.
Denn fast empfinde ich Genuss,
während der Körper in einer Farbpracht von Magenta bis Indigo,
wie ein süßlich kitschiger Abendhimmel koloriert,
im Staub aufschlägt.
Dann liege ich einfach nur da,
in Ganzkörperstarre und fixiere einen
nicht existenten Punkt über mir.
Auf der Suche nach klaren Gedanken,
kann ich mich meistens nicht entscheiden,
ob sich ein Sturm gerade zusammenzieht
oder abflaut.
Auch wenn mein Horizont nie weiter geht,
als bis zur blau bemalten Zellendecke,
so weiß ich doch,
dass der Himmel nicht so leer und still ist,
wie sie es einem weismachen wollen.
Leben ist anders,
schmeckt anders,
riecht anders,
fühlt sich anders an,
wie Sekundenstürme die mit Sekundenstille wechseln.
Irgendwann komme ich zu dem Schluss,
dass es besser ist oben zu sein,
bevor der Ringrichter mit dem Zählen aufhört.
Wenn du dir einmal vorgenommen hast zu kämpfen,
Brüche, Blessuren und Hämatome zu riskieren,
dann nimm ihnen nicht die Arbeit ab,
indem du dir selbst den Kopf zermarterst.
Das tun schon andere für dich.

Kerim Mallée

opus-nocturne:

I walk the line

opus-nocturne:

I walk the line

(via shebelievesinabeauty)